Heinrich Kubis (1888–1979) war der erste Flugbegleiter in der Geschichte der Luftfahrt. Die Geschichte seines Lebens liest sich wie ein Roman. Aber lassen wir Heinrich Kubis doch am besten selbst erzählen:

Mein Name ist Heinrich Kubis, und meine Lebensgeschichte hängt mit einem Brieföffner zusammen.

Als Kind schaute ich immer wie gebannt auf die Drehtüren der großen Hotels und war fasziniert von den glänzenden Kronleuchtern und den tadellosen Uniformen des Hotelpersonals.

So begann ich schon als Kind, im Hotel zu arbeiten. Als Junge trug ich die Koffer der Hotelgäste und tauschte mit ihnen einige Höflichkeitsfloskeln aus. Manchmal erzählten sie mir auch ihre Geschichten, und ich erfuhr, woher sie kamen oder wohin sie fuhren, ob sie geschäftlich unterwegs waren oder eine Theateraufführung sehen wollten. Dies war der Beginn meiner Karriere.

Ich konnte mich auf meine Intuition verlassen, sprach drei Sprachen, war immer zuvorkommend, wusste immer, was die Leute brauchten, noch bevor sie ihre Bitte ausgesprochen hatten, und erinnerte mich an die Namen der Stammgäste und an ihre Lieblingsgetränke. Reisen konnte ich jedoch nicht, nur dank der Geschichten, die ich hörte. Ich arbeitete in den namhaftesten Hotels Europas: zuerst im Carlton in London und später im Ritz in Paris und begegnete wohlhabenden Geschäftsleuten, Handelsreisenden, wunderschönen Schauspielerinnen und Politikern. Und so kam es, dass ich 1912 Ferdinand Graf von Zeppelin und Doktor Hugo Eckener kennenlernte, die Gründer der DELAG, der Deutschen Luftschifffahrts-Aktiengesellschaft, deren Sitz in Frankfurt war. Sie schlugen mir vor, die Arbeit im Hotel aufzugeben und der erste Butler über den Wolken zu werden. Ich nahm das Angebot an.

Im Dienst trug ich immer einen tadellosen Smoking und unterhielt die Fluggäste, um den Flug für sie kurzweiliger zu gestalten. Meine Rolle war absolut wesentlich: Ich kannte die technischen Aspekte der Luftschiffe, die Sicherheitsvorschriften und jeden Winkel des LZ-120 Bodensee und des LZ-127 Graf Zeppelin.

An einem Tag war ich in Deutschland, am nächsten Tag in Südamerika und danach in Manhattan. Als Bordkommissar machte ich auch die erste Weltreise in einem Luftschiff, wobei mir eine Besatzung von einem Dutzend Personen unterstand.

Am 6. Mai 1937 befand ich mich an Bord des LZ-129 Hindenburg, das den Namen von Reichspräsident Paul von Hindenburg und natürlich die Hakenkreuzfahne trug, obwohl Eckener sich politisch von Hitlers Positionen fernhielt. Wir waren kurz vor der Landung in Lakehurst in New Jersey, als das Luftschiff in Brand geriet. Es war das größte jemals gebaute Luftfahrzeug, und an Bord waren mit Passagieren und Besatzung insgesamt 97 Menschen. Ich konnte mich zusammen mit vielen anderen retten, aber an jenem Tag starben 35 Menschen. Ich ahnte sofort, dass dies ein Einschnitt für die DELAG werden sollte. Dann kam der Krieg und veränderte alles. Ich glaube auch heute noch, dass der Unfall damals ein gut getarnter Sabotageakt war.

Aber kommen wir zum Brieföffner zurück.

Ich war der erste Flugbegleiter der Welt, aber niemand hätte jemals davon erfahren, wenn es nicht diesen schönen Brieföffner aus Elfenbein gegeben hätte, auf dem „Kapt. Heinrich Kubis“ geschnitzt stand. Als er gefunden wurde, dachte man zuerst, dass er einem Kapitän gehöre, aber es gab keinen Kapitän mit meinem Namen. Die Tatsache, dass sich die Leute heute überhaupt an mein Leben erinnern, ist das Verdienst eines Neugierigen, der entdeckte, dass „Kapt.“ damals der Titel des Chefs der Bordbesatzung war, also mein Titel.

(photo/mymilitaria.it)