Um die heldenhafte Leistung der 1903 geborenen Amy Johnson in ihrer Tragweite zu verstehen, muss man den geschichtlichen Hintergrund bedenken. 1918 erhielten Frauen im Vereinigten Königreich das Wahlrecht, jedoch nur Frauen ab 30 Jahren. Es dauerte noch weitere zehn Jahre mit vielen Kämpfen und Demonstrationen, bis alle britischen Frauen das Wahlrecht mit denselben Rechten wie Männer erhalten sollten, das heißt bis alle Bürgerinnen und Bürger, die mindestens 21 Jahre alt waren, ohne Unterscheidung des Geschlechts wählen durften. 1928 machten nur sehr wenige Frauen einen Hochschulabschluss, und noch weniger machten wirklich Karriere.

Amy war die vierte Tochter einer wohlhabenden Familie aus Kingston upon Hull, und schon in sehr jungen Jahren hatte sie bewiesen, dass sie einen starken Willen besaß und sehr entschlossen sein konnte: Sie absolvierte das Studium der Wirtschaftswissenschaften in Sheffield und fand schnell eine Anstellung als Sekretärin in einer Londoner Anwaltskanzlei. In der großen Stadt begann Amy ihren persönlichen Interessen und Leidenschaften nachzugehen, zu denen auch das Fliegen gehörte. Obwohl das Fliegen damals (und noch viele Jahre lang) eine reine Männerdomäne war, schaffte es Amy, Mitglied im London Aeroplane Club zu werden und die lang ersehnten Flugstunden zu nehmen. 1929 machte sie ihren Pilotenschein und stellte dabei einen wichtigen Rekord auf: Als erste Frau Großbritanniens legte sie die Prüfung als Flugzeugmechanikerin ab. All dies natürlich nicht ohne die Schwierigkeiten, die ihr Vorurteile gegenüber Frauen und entsprechende Diskriminierung bereiteten.

Diese außergewöhnliche Frau musste nämlich eine schwere Entscheidung treffen: entweder weiterfliegen oder den Arbeitsplatz behalten. Amy beschloss, ihren Traum vom Fliegen nicht aufzugeben, und ihre Geschichte fand sofort großes Echo.

Am 5. Mai 1930 startete Amy ein außerordentliches Unterfangen: einen Alleinflug in einem einmotorigen Doppeldecker (der De Havilland DH.60 Moth) von England nach Australien. Knapp 14.000 Kilometer und 19,5 Tage später war Amy die erste Frau der Welt, die einen solchen Flug absolviert hatte, und wurde bei ihrer Rückkehr in England von über einer Million Menschen empfangen und mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet.

Danach flog Amy von London nach Japan, von London nach Moskau, von London nach New York und von London nach Südafrika und wurde zu einem beispiellosen Medienstar, bis der Zweite Weltkrieg ausbrach und sie von den Titelseiten der Zeitungen verdrängte.

Der Krieg sollte auch Amy Johnson das Leben kosten. Für die britische Pilotenorganisation Air Transport Auxiliary unternahm sie Transport- und Versorgungsdienstflüge. Bei ihrem letzten Flug im Jahre 1941 wurde sie durch schlechte Witterungsverhältnisse gezwungen, ihr Flugzeug auf das offene Meer zu steuern und mit dem Fallschirm abzuspringen. Ihre sterblichen Überreste wurden nie gefunden.

Amys revolutionärer Geist lebt jedoch noch heute im Londoner Science Museum fort, wo ihr berühmtestes Flugzeug, die Moth Jason, zu sehen ist. Vor allem aber lebt sie selbst im Kampf um die Rechte aller Frauen weiter.