Man schrieb das Jahr 1912. Es war das Jahr, in dem die ganze Welt angesichts des Untergangs der Titanic noch unter Schock stand, jedoch schon von den neuen Riesenmaschinen träumte, mit denen man in relativ kurzer Zeit ans andere Ende der Welt gelangen konnte. Die anderen Kontinente jenseits von Europa waren für Entdecker nicht mehr interessant; die Brüder Wright hatten die Gesetze der Schwerkraft herausgefordert und besiegt, und FLIEGEN war nicht mehr nur mit dem Mythos eines zu waghalsigen Ikarus verbunden, sondern endlich greifbare Wirklichkeit geworden.

Der Futurismus, eine avantgardistische Kunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, feierte das Fliegen als höchsten Ausdruck der Bewegungsfreiheit und Dynamik und bejubelte die Geschwindigkeit und Innovation in allen Bereichen, von der Literatur und Dichtung über die Bildhauerkunst und Musik bis zu den „jüngeren“ Künsten wie Fotografie und Film.

Aeropittura (Luftmalerei) wurde diese neue Stilrichtung der Malerei genannt, zu deren Vertretern Giacomo Balla, Tullio Crali, Sante Monachesi, Fortunato Depero, Gerardo Dottori und Fedele Azari zählten, der Schöpfer des Werks Prospettiva di Volo (Vogelperspektive), das 1926 auf der Biennale von Venedig präsentiert wurde. So viel Moderne konnte natürlich auch die Frauen nicht kaltlassen, und große Künstlerinnen wie Benedetta Cappa, Marisa Mori und Olga Biglieri wurden Zeuginnen des Wandels. Olga Biglieri war auch eine der ersten italienischen Flugpionierinnen und hatte im Alter von nur sechzehn Jahren ihren Pilotenschein gemacht.

Alfredo Gauro Ambrosi, Maternità aeronautica, 1931, olio su tela, Trento, Museo dell’Aeronautica Gianni Caproni

Aus ästhetischer Sicht setzte die futuristische Aeropittura Geschwindigkeit und Dynamik in Szene und überwand die kubistische Zerlegung der Gegenstände mithilfe der Perspektive und der Vielzahl an Ebenen.

Einige der bekanntesten Werke der Aeropittura sind heute im Luftfahrtmuseum Gianni Caproni von Trient zu sehen.

Fortunato Depero, Caproni, 1927, collage di carte colorate su cartoncino, Trento, Museo dell’Aeronautica Gianni Caproni